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50 Jahre Gottesdienst- und Messjubiläum

 

Einleitung

1. Zwei „Gottesdienstjahre“

2. Ein Jahr ohne Gottesdienst oder Messe?

3. Mitfeiern bei Fernsehgottesdiensten

4. Eine Neunjährige war die erste Sympathisantin des „Gottesdienstjahres“

5. Weihnachtsmesse mit Papst Johannes Paul II. unter der Bettdecke

6. Weihnachtsmesse als Pfarrerin z.A. allein mit Papst Johannes Paul II.

7. Zwei Heilige Abende ohne eine Messe mit dem Papst

8. Osterfrühstück im katholischen Kloster nach dem Ostergottesdienst

9. Der Horror am Ostersonntag 2008

10. Der erste Kindergottesdienstbesuch 1970

11. In zehn Jahren vier Hauptamtliche, die sexuell motivierte Straftaten an Minderjährigen begingen, in einer einzigen Gemeinde

12. Zwei Gerichtsverfahren wegen Sexualstraftaten gegen Minderjährige gegen den ehemaligen Ansbacher Regionalbischof und den ehemaligen Personalreferenten der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern

13. Messen auf Apostolischen Reisen mit Papst Benedikt XVI.

14. „Cardinale in petto“ und vier Stimmen im Konklave 2013

Fazit

 

Einleitung

 

Heute vor 50 Jahren ging ich erstmals um 11 Uhr in den Kindergottesdienst. Damals gab es noch keine Sommerzeit. Dieses Ereignis jährt sich am 13. September 2020 um 12 Uhr. Ich darf sagen, dass ich seit 50 Jahren kontinuierlich Gottesdienste und Messen besucht habe.

 

1. Zwei „Gottesdienstjahre“

 

Es gab sogar zwei Jahre in meinem Leben, in denen ich keinen einzigen Sonntags- und Feiertagsgottesdienst verpasst habe. Als Jugendliche wollte ich diesen Rekord aufstellen. Mein zuständiger Pfarrer, der inzwischen verstorbene Ansbacher Pfarrer Konrad Kreßel, sagte, das sei unmöglich. Das habe noch nicht einmal er gemacht. Ich probierte es. Bevor ich damit begann, sprach ich mit meinen Eltern und mit meiner Schwester, ob sie zustimmen würden, dass ich ein Jahr lang jeden Sonntag und jeden Feiertag zum Gottesdienst gehe. Schließlich war davon vor allem der Urlaub betroffen. Ich fragte sie, ob sie einverstanden sind und garantieren würden, dass ich auch im Urlaub in den Gottesdienst gehen kann. Sie sagten, das könne ich und sie würden dann mitgehen. Das war ganz erstaunlich, da meine Eltern sonst fast nur an Weihnachten und an Ostern in den Gottesdienst gingen. Ich schaffte es, ein ganzes Jahr an jedem Sonn- und Feiertag in den Gottesdienst zu gehen. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich damals 15 Jahre alt und ich habe dieses „Gottesdienstjahr“ an Ostern begonnen. Das wäre am 15. April 1979 gewesen.

Sehr viel später, als ich mich ab 2004 mit der römisch-katholischen Kirche beschäftigte, wollte ich nicht, dass meine „neue Liebe“ eines Tages darunter leidet und sich zurückgesetzt fühlt, dass ich „nur“ in der evangelischen Kirche ein Jahr lang jeden Gottesdienst besucht habe. Also habe ich mir das Gleiche für das Jahr 2006 vorgenommen. Ich habe, wenn ich mich richtig erinnere, am Ostersonntag, 16. April 2006, dem 79. Geburtstag von Papst Benedikt XVI., bei meinem ersten Besuch einer Ostermesse in Rom, mit meinem „Gottesdienstjahr“ begonnen. In diesem Jahr habe ich das ganze Jahr erstmals ausschließlich Messen der römisch-katholischen Kirche besucht. Der ehemalige Bayreuther Dekan hat mich kontrolliert und mir am Ende meines „Gottesdienstjahres“ bestätigt, dass ich jeden Sonntag und jeden Feiertag in der Messe war.

Beide „Gottesdienstjahre“ hatten zur Folge, dass sich mein soziales Umfeld von mir distanzierte. Meine Eltern und meine Schwester wurden nicht vom Heiligen Geist ergriffen und blieben nach dem Urlaub sonntags zuhause wie schon vor dem Urlaub. Ich fand durch das „Gottesdienstjahr“ immer stärker in die Kirche hinein. 2006 führte das „Gottesdienstjahr“ dazu, dass ich mir sicher wurde, dass ich mich in der römisch-katholischen Kirche heimisch fühlen kann und ich gewann die Zuversicht, dass ich wie ein Mitglied der römisch-katholischen Kirche leben kann. Ich hatte den Eindruck, dass ich ein Jahr lang in der römisch-katholischen Kirche nichts verpasst habe. In der Folge distanzierte ich mich mehr und mehr von meiner ursprünglich alleinigen Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche und näherte mich der römisch-katholischen Kirche immer mehr an.

 

2. Ein Jahr ohne Gottesdienst oder Messe?

 

In den vergangenen 50 Jahren habe ich während meines Zweitstudiums an der Humboldt-Universität zu Berlin in einem Jahr versucht, gar nicht in die Kirche zu gehen. Ich wollte mich dem säkularen Umfeld der Regierungshauptstadt ganz und gar ausliefern. Es ist mir nicht gelungen. Ich habe kein ganzes Jahr ohne Gottesdienstbesuch und ohne Messbesuch verbracht. Allerdings war ich in einem Jahr höchstens drei bis vier Mal in der Kirche.

 

3. Mitfeiern bei Fernsehgottesdiensten

  

Mir haben der Gottesdienstbesuch und der Besuch der Messe immer viel Freude bereitet und ich habe sie immer gern und freiwillig besucht. In den vergangenen 50 Jahren hat es sich so entwickelt, dass ich inzwischen häufig Gottesdienste im Fernsehen mitfeiere.

 

4. Eine Neunjährige war die erste Sympathisantin des „Gottesdienstjahres“

 

Das „Gottesdienstjahr“ gibt es weder in den evangelischen Kirchen noch in der römisch-katholischen Kirche. Es ist eine Idee von mir. Ich freue mich besonders, dass ich schon eine Sympathisantin gefunden habe. Sie ist ein Kind und war neun Jahre alt, als sie in Baden-Württemberg das „Gottesdienstjahr“ begangen hat. Sie ist sicherlich bisher die Jüngste, die jemals ein „Gottesdienstjahr“ feiern konnte. Sie hat später wie ich damit begonnen, regelmäßig in Messen zu gehen. Sie war deutlich jünger wie ich, als sie ihr erstes „Gottesdienstjahr“ vollbracht hat. Herzlichen Glückwunsch! Ich hoffe, dass sich viele Sympathisantinnen und Sympathisanten finden, die Gleiches probieren. Auch unter Geistlichen der römisch-katholischen Kirche soll es Sympathisanten des „Gottesdienstjahres“ geben.

 

5. Weihnachtsmesse mit Papst Johannes Paul II. unter der Bettdecke

 

Sehr gern erinnere ich mich daran, dass ich als Jugendliche zwei Mal ausgerechnet am Heiligen Abend zu Bett gehen wollte, um dann heimlich und unter der Bettdecke die Weihnachtsmesse mit dem inzwischen heiliggesprochenen Papst Johannes Paul II. zu feiern. Das erste Mal war es, als sei es verboten, eine katholische Messe mit dem Papst live in Rom mitzufeiern. Ich hatte fast ein wenig Angst, was passieren könnte. Es passierte nichts. Einmal habe ich das heimliche Hören einer katholischen Messe im Radio meinem Gemeindepfarrer „gebeichtet“. Er sah mich etwas fragend an.

 

6. Weihnachtsmesse als Pfarrerin z.A. allein mit den Papst Johannes Paul II.

 

Später habe ich manche Jahre den Heiligen Abend allein verbracht. Das einzige Highlight war die Weihnachtsmesse mit Papst Johannes Paul II. und später mit Papst Benedikt XVI. im Fernsehen. Mein erstes Weihnachten allein mit dem Papst fand am 24. Dezember 1994 statt, als ich als Pfarrerin z.A. nach einem Gottesdienst am Heiligen Abend nicht zu meiner Familie nach Hause fahren konnte, weil ich am ersten Weihnachtsfeiertag morgens um 9 Uhr bereits den nächsten Gottesdienst zu halten hatte. Auch wenn ich Weihnachten allein feiern musste, der Papst war durch die im Fernsehen übertragenen Weihnachtsmessen immer bei mir in meinem Wohnzimmer anwesend.

 

7. Zwei Heilige Abende ohne eine Messe mit dem Papst

 

Das erste Mal, dass ich am Heiligen Abend nicht zu einem Gottesdienst oder einer Messe gehen konnte, war am 24. Dezember 2018. Ich hatte rechtzeitig bei der Präfektur des Päpstlichen Hauses, die damals von Erzbischof Georg Gänswein geleitet wurde, nach einer Eintrittskarte für die Messe am Heiligen Abend mit Papst Franziskus angefragt. Aber es kam und kam keine Zusage. Auch eine Nachfrage vor Ort im Vatikan noch am 24. Dezember 2018 morgens änderte nichts daran. Ich konnte es kaum glauben. So verbrachte ich den Heiligen Abend dick eingepackt und unter einer warmen Decke in Rom im Freien auf einem Gartenstuhl in Sichtweite des Petersdoms, in dem Papst Franziskus die Messe zelebrierte und in Sichtweite von Mater Ecclesiae, wo Papst Benedikt XVI. mit seinem Bruder, dem inzwischen verstorbenen Regensburger Domkapellmeister i. R. Georg Ratzinger, feierte. Die Stille direkt unter den Sternen am dunklen Nachthimmel, die leichte Kälte und die Erinnerung an einen Hauch sommerlicher Wärme in Rom, der Gedanke an die anderen Weihnachten Feiernden und vor allem die große desillusionierende Einsamkeit, die sich breit machte, werden mir immer in Erinnerung bleiben.

Im Jahr darauf hoffte ich schon gar nicht mehr auf eine Eintrittskarte zur Messe am Heiligen Abend mit Papst Franziskus und tatsächlich, die Präfektur des Päpstlichen Hauses unter Leitung von Erzbischof Georg Gänswein, der inzwischen seit Januar 2020 beurlaubt ist, sah sich auch am 24. Dezember 2019 nicht in der Lage, für mich nur eine einzelne Eintrittskarte herauszurücken. Schon für Maria und Joseph hatte es 2019 Jahre vorher keinen Platz in der Herberge gegeben, weswegen sie in einem Stall einziehen mussten.

 

8. Osterfrühstück im katholischen Kloster nach dem Ostergottesdienst

 

Neben den mehr oder minder missglückten Heiligen Abenden bleiben mir vor allem zwei Osterfeste in Erinnerung. Im letzten Jahr meiner Tätigkeit 1999 als Pfarrerin z.A. im oberfränkischen Stammbach lud mich mein Kollege, ein polnischer Franziskaner-Pater ein, nach meinem Gottesdienst am Ostersonntag in das Kloster Marienweiher zum Osterfrühstück zu kommen. Ich war total aufgeregt und freute mich sehr. Es war eine sehr feierliche, friedliche, freundliche und fast besinnliche Stimmung im Frühstücksraum des Klosters. Mehrere Fratres, zwei Patres und einige Bekannte verbrachten den Ostersonntagmorgen gemeinsam. Dieses Osterfrühstück gab dem Ostersonntag eine besonders vollendete, heilige und ökumenische Atmosphäre, die ich weder vorher noch nachher noch einmal erlebt habe. Ich freue mich noch heute, 21 Jahre später, wenn ich daran denke. Ich habe es als große Ehre empfunden, zum Osterfrühstück in ein Marienkloster eingeladen zu sein.

 

9. Der Horror am Ostersonntag 2008

 

Traumatisierend und mein ganzes Leben zerstörend hat der Ostersonntag, 23. März 2008, seine Spur in meinem Leben hinterlassen. Kurz vor Messbeginn mit Papst Benedikt XVI. auf dem Petersplatz wurde ich unter einem Vorwand von einem vatikanischen Gendarmen in das Büro der Gendarmerie gebracht. Zwischen 10 und 13 Uhr wurden mir mehrere Wertgegenstände und meine EC-Karten genommen. Meinem Wunsch, dass eine deutschsprechende Person geholt wird, wurde nicht entsprochen. Mir wurden zehn Körperverletzungen von sechs Gendarmen zugefügt, von denen zwei Verletzungen tödlich ausgehen hätten können. Da mir die Verletzungen auch im Genitalbereich zugefügt wurden, hat die Staatsanwaltschaft Regensburg diese im Herbst 2018 als Vergewaltigung eingestuft. Damit verjähren die Taten nach zwanzig Jahren. Mehr ist in dieser Angelegenheit in den vergangenen zwölfeinhalb Jahren nicht passiert. Als Spätfolge musste ich mich im Sommer 2017 einer Knie-Operation unterziehen. Alle Kosten, die infolge der Gewalttaten auf mich zukamen, habe ich selbst tragen müssen.

 

10. Der erste Kindergottesdienstbesuch 1970

 

Mein allererster Gottesdienst heute vor 50 Jahren war ein Kindergottesdienst zum Schulanfang. Da ich das Sommerferienende in Bayern 1970 kalendarisch nachvollziehen konnte und der Schulanfangsgottesdienst für die Erstklässlerinnen und Erstklässler am Sonntag darauf in St. Gumbertus in Ansbach stattfand, weiss ich heute, dass es der 13. September 1970 war. Ich besuchte sehr häufig von der ersten bis zur sechsten Klasse den Kindergottesdienst sonntags um 11 Uhr gemeinsam mit meiner Schwester

In den 1970er Jahren waren die Kirchen noch voll. Zum Kindergottesdienst sonntags um 11 Uhr kamen über hundert Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse. Mit Beginn des Konfirmandenunterrichts ein Jahr vor der Konfirmation sollten die angehenden Jugendlichen den Gottesdienst für Erwachsene besuchen.

 

11. In zehn Jahren vier Hauptamtliche, die sexuell motivierte Straftaten an Minderjährigen begingen, in einer einzigen Gemeinde

 

Den Kindergottesdienst St. Gumbertus/St. Johannis gibt es nun seit über zehn Jahren in meiner Geburtsstadt Ansbach nicht mehr. Die Zahl der Kinder, die am Sonntagmorgen in den Kindergottesdienst gingen, nahm schon in den 1990er Jahren stark ab. Kirche ist unmodern geworden. Kirche hat keine Relevanz mehr für das Leben, meinen viele.

Ein Grund, den ich sehr wichtig finde, kennen viele nicht. Ich war von 1970 bis 1987 in meiner Heimatgemeinde St. Gumbertus in Ansbach ehrenamtlich sehr engagiert. In dieser Zeit gab es vier Hauptamtliche, zwei Pfarrer und zwei Kirchenmusiker, die Kinder und Jugendliche sexuell belästigten oder Sex mit ihnen hatten. Auch mich hat es getroffen. Der Pfarrer, den ich vom Kindergottesdienst und vom Schulunterricht kannte, hat im Sommer 1976, als ich in der sechsten Klasse war, in einem leeren Klassenzimmer nach dem Religionsunterricht die Hose vor mir geöffnet, nachdem er gesagt hatte: „Du bist die Frau meines Lebens.“ Ich war 12! Meine Pubertät hatte noch nicht einmal begonnen. Ich war eindeutig noch ein Kind. Zum Glück öffnete eine Lehrerin, die bemerkt hatte, dass ich das Schulgebäude nicht verlassen hatte, die Türe zum Klassenzimmer, sah den Pfarrer mit der offenen Hose stehen und sagte „Oh je, oh je“ und „Sie kommen sofort da raus!“. Der Pfarrer ging. Ich verließ allein und verunsichert das Schulgebäude. Etwa ein halbes Jahr später war der Pfarrer für einige Zeit nicht in der Schule. Dann wurde er versetzt und im April 1977 zum Dekan von Dinkelsbühl befördert. Dort hatte er keinen Schulunterricht mehr und keinen Kindergottesdienst. Bis heute ist seine eindeutig pädophile Tat ungesühnt.

Ein anderer Pfarrer, dessen Sohn Dekan in Mittelfranken ist, wurde aus dem Dienst entlassen und bekam keine Rentenbezüge. Ich hatte ihn während meiner gesamten Schulzeit im Unterricht und er war der Nachfolger des Pfarrers, der mich sexuell belästigt hatte als Kindergottesdienstpfarrer von St. Gumbertus/St. Johannis. Noch bis kurz vor seinem Tod meinte der von Natur aus mit wenig Schönheit begabte über 80-Jährige sexuell attraktiv zu sein. Er verstarb vor zwei Jahren. Auf seiner Beerdigung sah ich erstmals nach 1977 den Pfarrer nach 41 Jahren wieder, der seine Hose vor mir geöffnet hatte. Der Dekan im Ruhestand näherte sich mir bis auf wenige Meter und fing auf dem Friedhof an, mich übel zu beschimpfen und mir ins Gedächtnis zu rufen, dass ich Schuld gewesen sei. 40 Jahre Schweigen waren ihm nicht genug. Ich hatte seine pädophil motivierte Tat und seinen Satz „Du bist die Frau meines Lebens“ völlig verdrängt. Die Tat hatte Jahrzehnte lang bewusst keine Rolle für mich gespielt. Einige Tage nach der Beerdigung erinnerte ich mich erstmals wieder an den Vorfall, den ich als 12-Jährige erlebt hatte. Die Erinnerung war die Reaktion meines Gedächtnisses auf die Beschimpfungen, mit denen mich der Täter konfrontiert hatte. Hätte er mich als Opfer in Ruhe gelassen, wie er es 41 Jahre lang getan hatte, wäre die Erinnerung verdrängt geblieben. Man lässt Opfer eben in Ruhe, wenn sie schweigen. Zu meinem 50-jährigen Gottesdienstjubiläum ist es Zeit, diese pädophile Tat erstmals öffentlich werden zu lassen.(4)

Neben diesen beiden Pfarrern, die zwei der drei Pfarrstellen in meiner Heimatgemeinde St. Gumbertus in Ansbach besetzten, gab es zwischen 1977 und 1987 zwei Organisten. Der nebenamtliche Organist, der auch Lehrer am Gymnasium Carolinum war, wurde vom Amtsgericht Ansbach wegen Sex mit einer Minderjährigen verurteilt. Er wurde nur entlassen, weil er im Schuldienst war und der Staat reagiert hat. Wäre er nur im kirchlichen Dienst gewesen, hätte es sein können, dass er ungestraft davon gekommen wäre. Die 16-jährige Minderjährige war seine Schülerin im Gymnasium und hatte nichts mit der Kirche zu tun. Das Verhältnis ging einige Jahre. Die Presse berichtete über den Gerichtsprozess. Ob es andere junge Mädchen gab, die er sexuell belästigt hat oder mit denen er Geschlechtsverkehr hatte, ist nicht bekannt.

Der Bezirkskantor von Ansbach, der inzwischen im Ruhestand ist, hatte Sex mit einer 16-Jährigen. Ich bekam es mit, weil ich mit der etwa Gleichaltrigen Solo singen sollte. Das Verhältnis, von dem die Ehefrau wusste, lief mindestens so lang, bis die Jugendliche 18 Jahre alt war. Der Bezirkskantor war 1977 von Ahrensburg, wo es Jahre später einen Prozess wegen Kindesmissbrauchs in einer evangelischen Kirche gab, nach Ansbach gewechselt. Nur wenige Monate vorher war der Pfarrer, der mich sexuell belästigt hatte, 1977 von der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern zum Dekan befördert worden. Der Bezirkskantor übernahm den Kinderchor der Gemeinden St. Gumbertus/St. Johannis, gründete eine Jugendkantorei und gab Orgelunterricht. Ich sang von 1977 bis 1983 bei ihm in der Jugendkantorei und er erteilte mir von 1978 bis 1983 Orgelunterricht. Es gab keinerlei disziplinarische Reaktion von Seiten der Leitung der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern auf den Geschlechtsverkehr des Bezirkskantors mit einer Minderjährigen. Der Bezirkskantor wurde sogar kurz danach zum Kirchenmusikdirektor befördert. Als der Kirchenmusikdirektor in den Ruhestand ging, musste ich mich von seiner Ehefrau vor dem Abschiedsgottesdienst in St. Johannis verhöhnen lassen. Er bezieht die volle Pension.

Vier hauptberuflich für die Gemeinde St. Gumbertus in Ansbach tätige Männer hatten Sex mit Kindern und Jugendlichen in den zehn Jahren zwischen 1976 und 1987. Drei der mir bekannten Opfer sexuell motivierter Gewalt waren Teenagerinnen im Alter von etwa 16 Jahren, ein mir bekanntes Opfer war ein Kind. Erst Jahrzehnte später, fast 40 Jahre waren vergangen, als mir bewusst wurde, dass ich zehn Jahre lang in einer Gemeinde mit vier pädophil veranlagten oder pädophil motivierten, sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausübenden Pfarrern und Organisten aufwuchs. Zwei dieser Sexualstraftäter wurden ihrer Ämter enthoben: ein Pfarrer und ein nebenamtlicher Organist. Gegen zwei Täter wurde weder von kirchlicher noch von staatlicher Seite jemals etwas unternommen. Sie wurden bevorzugt und rasch befördert und beziehen, derzeit im Ruhestand, die vollen Bezüge.

 

12. Zwei Gerichtsverfahren wegen Sexualstraftaten gegen Minderjährige gegen den ehemaligen Ansbacher Regionalbischof und den ehemaligen Personalreferenten der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern

 

2002 wurde der Regensburger Dekan Helmut Völkel Regionalbischof des Kirchenkreises Ansbach-Würzburg. Die Hauptpredigerstelle des Regionalbischofs ist St. Gumbertus in Ansbach, meine Heimatgemeinde, in der ich vor 50 Jahren, im Jahr 1970, erstmals in den Kindergottesdienst ging. Noch während seiner Zeit als Regionalbischof gab es am Amtsgericht Ansbach eine nicht-öffentliche Sitzung gegen Oberkirchenrat Helmut Völkel wegen sexuell motivierter Gewalt gegen Kinder. Seine Ehefrau war als Schulrektorin tätig. In dem Prozess kam es zu keiner Verurteilung.

2009 wechselte Oberkirchenrat Helmut Völkel in das Landeskirchenamt der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern nach München und übernahm dort die Stelle des Personalreferenten. Oberkirchenrat Völkel war damit der Dienstvorgesetzte aller Pfarrerinnen und Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. 2011 kandidierte er für den Posten des Landesbischofs.(1) Er ging im Juni 2018 in den Ruhestand.(2)

In seiner Zeit als Personalreferent der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern soll gegen Oberkirchenrat Helmut Völkel ein Prozess vor einem Münchner Gericht wegen einer Sexualstraftat gegen Minderjährige stattgefunden haben, nach dem er verurteilt worden sein soll. Oberkirchenrat Helmut Völkel ging mit vollen Bezügen im Juni 2018 in den Ruhestand und verstarb plötzlich und unerwartet kurz nach seinem 66. Geburtstag im Dezember 2018.(3) Seine Frau, die sich während der Amtszeit ihres Mannes als Regionalbischof in Ansbach mir gegenüber von ihrem Mann distanziert hatte, erhält als Witwe die vollen gesetzlich vorgesehenen Rentenbezüge ihres Mannes, denn die Kirche hat ihn, anders als der Staat, nicht für seine Taten zur Rechenschaft gezogen.

 

13. Messen auf Apostolischen Reisen mit Papst Benedikt XVI.

 

Neben diesen absolut scheußlichen Erfahrungen in meiner Heimatgemeinde St. Gumbertus in Ansbach, die mir erst im Laufe von Jahrzehnten in ihrer wahren Bedeutung bewusst wurden, gibt es Highlights, die ihres Gleichen suchen. Dazu gehören die Messen mit Papst Benedikt XVI.

Unter den über hundert Messen, die ich seit Ostern 2006 im Vatikan und auf Apostolischen Reisen mit den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus mitfeiern durfte, bleiben mir vor allem einige Messen auf Apostolischen Reisen mit Papst Benedikt XVI. in Erinnerung.

Vor dem zweiten Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. im Herbst 2006 sahen sich die Verantwortlichen der Bayreuther Schloßkirche außer Stande, mir einen Platz im Bus zur Papstmesse in Regensburg zu vermitteln. Ich wollte unbedingt den Papst aus Bayern in Bayern sehen. Es war die polnische Gemeinde in Bayreuth, die mich am 10. September 2006 nach München-Riem zur Papstmesse mitnahm.

Wieder waren es Polinnen und Polen, die mich auf der dritten Reise von Papst Benedikt XVI. mit in das Berliner Olympiastadion nahmen. Deutsche Stadionwärterinnen und Stadionwärter hatten mir den Zugang verwehrt. Es sei kein Platz mehr im Stadion, obwohl sich herausstellte, dass ganze Ränge leer geblieben waren. Gemeinsam mit mir völlig unbekannten Polinnen und Polen, umrundet von ihnen und mitten unter ihnen zog ich „Jesus, Christkönig“ singend ins Berliner Olympiastadion zur Papstmesse ein. Polinnen und Polen haben eben doch ein starkes, katholisch schlagendes Herz. Ohne Polinnen und Polen wäre ich heute nicht da, wo ich in der römisch-katholischen Kirche bin.

Eindrücklich in Erinnerung geblieben ist mir die Israel-Reise von Papst Benedikt XVI., auf der ich ihn in Jerusalem und in Bethlehem begleiten durfte. Die karge, fast beängstigende Stimmung auf dem Platz vor der Geburtskirche in Bethlehem bei der Papstmesse spüre ich noch immer.

Realistisch vor Augen habe ich die Vesper mit Papst Benedikt XVI. auf dem Markusplatz in Venedig. Ich kann ihn noch immer auf dem prunkvollen Stuhl unter dem roten Baldachin an der Promenade mit dem Meer im Hintergrund sehen.

Anrührende Sanftmut verbreitete sich bei der Vesper mit Papst Benedikt XVI. im Londoner Hyde Park, als die Sonne langsam untergegangen war und die ersten Sterne am Himmel zu sehen waren.

Nie werde ich selbstverständlich die Messe am 14. Juni 2008 im apulischen Santa Maria di Leuca vergessen. Bei sengender Hitze erklomm ich drei Stunden vor Messbeginn den Hügel mit dem Marienheiligtum zu Fuß. Erstmals fasste ich bei dieser Messe den Mut und sprach stehend und laut die Einsetzungsworte bei der Eucharistie mit Papst Benedikt XVI. mit. Als die Messe kurz nach 18 Uhr zu Ende war, versank die Sonne langsam hinter dem Hügel und dann im Meer. Beim Verlassen des Kirchengeländes im Papamobil sah mich Papst Benedikt XVI. leicht ratlos, erstaunt, fragend und dennoch bestimmt an.

Selbstverständlich werde ich auch nie die letzte Messe mit Papst Benedikt XVI. am Aschermittwoch 2013 vergessen. Er hatte nur zwei Tage vorher, am Rosenmontag 2013, seinen Rücktritt angekündigt. Ich musste mich beeilen, um bei seiner letzten Messe in Rom dabei sein zu können. Am Rosenmontag kam die Ankündigung des Rücktritts, am Rosenmontag konnte ich einen Flug für Aschermittwoch buchen. Wenige Stunden, bevor Papst Benedikt XVI. seine letzte Messe im Petersdom feierte, traf ich mit dem Flugzeug in Rom ein. Der Petersdom war bis auf den letzten Platz gefüllt. Papst Benedikt XVI. sah ermüdet, leicht frustriert und gleichzeitig fest entschlossen aus. Die letzte Messe mit ihm war ein sehr trauriger Anlass. Viele feierliche Messen konnte ich mit Papst Benedikt XVI. mitfeiern. Ich wurde in der römischen Liturgie immer sicherer. Die gregorianischen Gesänge bereiten mir keine Schwierigkeit mehr. Seit 2006 habe ich jedes Jahr die Karwoche und den Ostersonntag in Rom als Pilgerin mitgefeiert. Nur im Jahr 2020 war die Romreise wegen der Corona-Pandemie gesetzlich nicht erlaubt.

 

14. „Cardinale in petto“ und vier Stimmen im Konklave 2013

 

Papst Benedikt XVI. hat mich heimlich in der Messe am 20. November 2010 zur „Cardinale in petto“ kreiert. Ich gehöre damit offiziell zum „Körper des Papstes“. In jeder Messa Crismale seit 2007, außer im Jahr 2020, habe ich den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus im Petersdom Gehorsam versprochen. Am 12. März 2013 habe ich vier Stimmen im Konklave bekommen. Dies soll nach Auskunft des Erzbischofs von München und Freising Reinhard Kardinal Marx, der Mitglied im K6 von Papst Franziskus ist, seit diesem Jahr offiziell bestätigt sein. Diese innere Verbindung zu beiden Päpsten ist sicherlich der Höhepunkt meines 50-jährigen Gottesdienstjubiläums. Mehr kann man in 50 Jahren nicht erreichen.

 

Fazit

 

Spannender können 50 Jahre Gottesdienstbesuch kaum sein. Vor dem ersten Besuch des Kindergottesdienstes in meiner Heimatgemeinde St. Gumbertus in Ansbach wollte ich nicht hingehen. Am Freitag vorher sprach ich mit meiner Mutter darüber, ob man dort hingehen müsse. Man könne doch auch zuhause bleiben. Meine Mutter sagte, dass man auf jeden Fall zum Schulanfang in die Kirche gehen müsse. Auch später gehöre der Kirchgang dazu. Das werde erwartet. Sie sagte nicht, von wem der Kirchgang erwartet werden würde.

Dabei ist es nicht geblieben. Bereits der erste Kindergottesdienst gefiel mir. Ich ging gerne wieder hin. Diese Freude und die Neugier vor jedem Gottesdienst sind mir geblieben. Ich bin immer erwartungsvoll, was im Gottesdienst oder in der Messe geschehen wird. Ich lasse mich auf das, was kommt, ein. Ich erwarte nicht zu viel und vor allem definiere ich nicht vorher, was passieren soll. Im Gottesdienst und in der Messe gebe ich mich voll hin. Ich überlasse mich und meine Gedanken dem Gottesdienstgeschehen. Manchmal kann ich nicht genau definieren, was sich durch einen Gottesdienst oder eine Messe verändert hat. Ich könnte das Ergebnis nicht in einem Tagebuch festhalten. Ich kann auch keine großen Worte finden, welchen Erfolg ein Gottesdienstbesuch bringt. Der Gottesdienstbesuch und der Besuch einer Messe gehört in meinem Leben dazu. Er ist das wichtigste und vielleicht inzwischen das einzigste Kontinuum in meinem Leben. Gottesdienste und Messen machen mich manchmal einfach sprachlos. Ich genieße das. Ich überlasse mich gern der Wirkung des Wortes Gottes in meinem Leben. Oft habe ich Stärke, Kraft und Orientierung in Gottesdiensten und Messen erfahren und ab und zu Trost. Viel habe ich durch Gottesdienste und Messen in meinem Glauben erlebt. Mein spirituelles Leben hat durch meine Hinwendung zum Katholizismus eine deutliche Erweiterung und Vertiefung erfahren, die ich nie mehr missen möchte. Wenn ich heute die Wahl zwischen einem Gottesdienst in einer evangelischen Kirche und einer Messe in einer römisch-katholischen Kirche hätte, würde ich in die Messe gehen.

 

Elke Göß  

 

(1) Vgl. Drobinski Matthias/Maier-Albang Monika (2011): Wahl des evangelischen Landesbischofs. Ruhe mich! Erschienen am 3. April 2011, https://www.sueddeutsche.de/bayern/wahl-des-evangelischen-landesbischofs-rufe-mich-1.1080672,13.09.2020    

(2) Vgl. Göß Elke (2017): Bayerischer evangelischer Personalchef Oberkirchenrat Helmut Völkel geht bald in den Ruhestand. Er ist ein Gegner der „Eucharistischen Ökumene“, erschienen bei Lib & In am 7. Dezember 2018, https://www.eucharistia.info/contra/evangelische-geistliche/okr-helmut-voelkel/,13.09.2020;

(3) Vgl. Göß Elke (2018): Plötzlich verstarb der ehemalige Personalchef der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern OKR i.R. Helmut Völkel, erschienen bei Eucharistische Ökumene Eucharistic Ecumenism Eucaristica Ecumene Eucharistique Oecumènisme am 19. Dezember 2018, https://www.eucharistia.info/contra/evangelische-geistliche/okr-helmut-voelkel/,13.09.2020

(4) Ich widme diesen Artikel mir zu meinem 50-jährigen Gottesdienstjubiläum.

 

13. September 2020

 

 

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update: 13. September 2020

Installation: 10. Mai 2018

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