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Probleme auf dem Weg zu einer vollen Kirchengemeinschaft der protestantischen Kirchen mit der katholischen Kirche, 1. Januar 2015

 

Einleitung

1. Papst Franziskus – sehr menschenfreundlich und menschlich sehr unbeherrscht

2. Das Heiligkeitsverständnis, das Offenbarungsverständnis und das Gnadenverständnis trennen bis heute die protestantischen Kirchen von der katholischen Kirche

3. Papst Franziskus – volksfromm und von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie geprägt

4. Volle Kirchengemeinschaft oder Unterwerfung unter die katholische Kirche

5. Eucharistische Ökumene statt voller Kirchengemeinschaft

5. Eucharistische Ökumene statt voller Kirchengemeinschaft

Fazit

 

 

Einleitung

  

Eine volle Kirchengemeinschaft zwischen den protestantischen Kirchen und der katholischen Kirche kann es bis auf weiteres nicht geben. Dies soll exemplarisch an der Messe dargestellt werden, die Papst Franziskus am Neujahrstag 2015 im Petersdom in Rom gefeiert hat und die der „Maria Santissima Madre di Dio“ (Heiligste Maria, Mutter Gottes) gewidmet war. Während seiner Ansprache wie auch während des sich an die Messe anschließenden Angelus-Gebetes um 12 Uhr ließ Papst Franziskus alle anwesenden Gläubigen aufstehen und dreimal sagen: „Maria Santissima Madre di Dio“. Ist doch kein Problem, oder?

  

1. Papst Franziskus – sehr menschenfreundlich und menschlich sehr unbeherrscht

  

Papst Franziskus ist für schnelle und radikal einfache Lösungen bekannt. Er kann charmant sein und lächeln, er kann aber auch völlig wütend und entnervt auffahren oder Ärger und Wut so aufstauen, dass sie sich an völlig unbeteiligten und unschuldigen Menschen entladen bis dahin, dass er sie höchstpersönlich und dies sogar als Papst, zu Tode bringt. Obwohl ihm Millionen Herzen katholischer Gläubiger zufliegen, muss man davon ausgehen, dass intern das Wissen darum besteht, dass er in seinem Leben bereits Menschen getötet hat. Papst Bergoglio ist sehr menschenfreundlich und andererseits ist er menschlich äußerst unbeherrscht und lässt sich von seinen eigenen Emotionen zu großen Sünden hinreißen. Man muss um seine beiden Seiten wissen, wenn man mit ihm zu tun haben will.

  

2. Das Heiligkeitsverständnis, das Offenbarungsverständnis und das Gnadenverständnis trennen bis heute die protestantischen Kirchen von der katholischen Kirche

  

Der Ausruf „Maria Santissima Madre di Dio“ kann nach protestantischer Auslegung nicht mitgesprochen werden. Ein Konzil im vierten Jahrhundert nach Christus hat die Frage behandelt, wie man theologisch Maria verstehen kann. Maria ist die Mutter von Jesus Christus. Jesus Christus hat sowohl eine menschliche als auch eine göttliche Natur. Maria ist aber nicht die Mutter Gottes im eng verstandenen Sinn, da Gott keine Mutter hat und Jesus Christus der Sohn Gottes ist und somit eine göttliche und eine menschliche Natur hat, aber nicht Gott ist.

In seiner Vesper-Ansprache am 31. Dezember 2014 sagte Papst Franziskus, man könne Jesus Christus nur durch seine Mutter Maria verstehen. Papst Benedikt XVI. hat solche Formulierungen immer vermieden und im Gegenteil herausgestellt, dass man Maria nur durch Jesus Christus verstehen könne. Eine seiner ersten Ansprachen zu diesem Thema war im österreichischen Mariazell.In vielen weiteren Ansprachen hat Papst Benedikt XVI. ökumenisch kompatibel die Marienverehrung hin auf Jesus Christus zentriert und an den biblischen Zeugnissen ausgerichtet. Seine Verkündigung über Maria entsprach dem protestantischen Verständnis, in seiner Frömmigkeitspraxis teilte er das katholische Verständnis der Marienverehrung, wie es sich beispielsweise darin zeigt, dass er mehreren Marienstatuen die „Goldene Rose“ beigelegt hat.

Papst Franziskus löst die enge, am Protestantismus orientierte, päpstliche Verkündigungspraxis, die Papst Benedikt XVI. eingeführt hatte, nun wieder auf. Auch aus diesem Grunde muss er nach protestantischem Verständnis als ein Papst auf einer niedrigeren Stufe verstanden werden. Diese Hierarchisierung von Päpsten entspricht dem Verständnis Martin Luthers, der einige Päpste als durchaus akzeptabel ansah, andere, wie den seiner Zeit amtierenden Papst, völlig ablehnte. Erst nach seiner Exkommunikation sprach sich Martin Luther gänzlich gegen das Papsttum aus.

Maria kommt nach protestantischem Verständnis keine besondere Heiligkeit zu. In den Bekenntnisschriften der evangelischen Kirchen steht, dass alle Christen gleich heilig sind. Diese Heiligkeit wird mit der Taufe begründet. Vor allem aber gibt es keine Hierarchie in der Heiligkeit, es gibt nicht heilige, besonders heilige und äußerst heilige („heiligste“). Nach protestantischem Verständnis gibt es somit keine „heiligste Maria“. Da alle Menschen, die getauft wurden, gleich heilig sind, gilt dieses Heiligkeitsverständnis sowohl für Lebende als auch für Tote. Es ist auch kein Problem für Protestantinnen und Protestanten, manche Heilige als besondere Vorbilder anzusehen, beispielsweise Sankt Martin, dessen Namenstag am 11. November in vielen protestantischen Gemeinden bis heute mit dem Martinsumzug gefeiert wird, bei dem kleine Kindergartenkinder Laternen tragen und sich anschließend versammeln, um vom Pelzmärtl beschenkt zu werden. Die Katholikinnen und Katholiken feiern den Nikolaus am 6. Dezember. Somit ist es auch kein Problem für Protestantinnen und Protestanten, im eucharistischen Hochgebet mitzubeten, dass man als Gläubiger und damit als Sünder teilhaben möge an der Gemeinschaft der heiligen Apostel und Märtyrer, zu denen unter anderem Johannes der Täufer und Stephanus, der erste Märtyrer, der in der Apostelgeschichte erwähnt wird, gehört. Doch muss man wissen, dass eine Voraussetzung für die Heiligsprechung in der katholischen Kirche, nach deren Verständnis nämlich keineswegs alle Getauften heilig sind, ist, dass der zukünftige Heilige bereits tot ist.

Martin Luther, der selbst ursprünglich katholisch war, pflegte Zeit seines Lebens eine inne Verehrung der Heiligen Anna, der Mutter von Maria, die die Patronin seiner Heimatgegend war. Auch Maria verehrte Martin Luther, beschränkte diese Verehrung aber auf die biblischen Zeugnisse, da er jegliche Frömmigkeitspraxis an den drei „s“ maß: „solo scriptura“, „solo Christus“, „solo gratia“ („allein durch die Schrift“, „allein Christus“, „allein aus Gnade“) orientiert wissen wollte. Diese Auffassung prägt die protestantischen Kirchen bis heute: Die Offenbarung des Wortes Gottes geschieht allein durch die Bibel. Martin Luther hat einige biblische Schriften als Apokryphen aus dem Kanon ausgeschlossen, da sie nicht davon handelten, „was Christum treibet“, also nicht den Kern der Botschaft von Jesus Christus träfen. Die Erlösung der Menschen geschieht allein durch den Tod von Jesus Christus am Kreuz. Dieser Tod bringt die überzeitliche und allumfassende Erlösung für die grundsätzlich von Sünde behafteten Menschen. Nichts kann diesem Verdienst von Jesus Christus etwas hinzufügen oder wegnehmen. Der Mensch kann also auch keine eigenen Leistungen erbringen, um sich selbst zu erlösen. Weder durch Bußzahlungen, wie sie im Ablasshandel zur Zeit Martin Luthers geregelt waren, noch durch andere hervorragende Leistungen, beispielsweise im sozialen Bereich oder durch besondere spirituelle Leistungen, etwa durch Marienerscheinungen, wie sie in Fatima oder Lourdes gefeiert werden. Gerade im Bereich der Sündenvergebung gibt es bis heute erhebliche Unterschiede in der Lehrpraxis und in der Frömmigkeitspraxis zwischen der katholischen Kirche und den protestantischen Kirchen. Und selbst wenn die katholische Kirche in verschiedenen Dokumenten das protestantische Verständnis und die protestantische Praxis der Sündenvergebung anerkannt hat, so stellt sich doch die Frage, ob die protestantischen Kirchen vollumfänglich die Bußpraxis und die Sündenvergebung, die in der katholischen Kirche von Millionen von Gläubigen praktiziert werden, anerkennen können. Das katholische Sündenvergebungsprinzip geht weit über „sola gratia“ hinaus. Das Heiligkeitsverständnis, das Offenbarungsverständnis und das Gnadenverständnis trennen bis heute die protestantischen Kirchen von der katholischen Kirche

  

3. Papst Franziskus – volksfromm und von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie geprägt

  

Papst Franziskus ist von der Volksfrömmigkeit seiner Heimat Argentinien geprägt. Vor allem bei kleineren Feiern innerhalb des Vatikans scheint er sehr reichlich darauf Bezug zu nehmen. Seine Ansprache zu Silvester 2014 im Petersdom hat wieder einmal gezeigt, dass er sehr stark von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie beeinflusst ist und dass man dies nicht übersehen darf. Er sprach unter anderem davon, dass der Mensch Angst vor „libertà“ („Freiheit“) habe. Damit ist aber nicht der protestantischen Freiheitsbegriff gemeint, wie er sich etwa in Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ findet. Es ist die Befreiung von materiellen Zwängen und Ängsten gemeint, die den Menschen hinführen soll zu einem wahren sozialen Sein, in dem er seinen Besitz mit den Armen teilt und aufhört, sie auszubeuten. Nach protestantischem Theologieverständnis ist dies ein sehr enger Freiheitsbegriff. Für den aus Argentinien stammenden Papst Bergoglio ist die Interpretation des Evangeliums als Botschaft an die Armen seine ganze Welt, von der er nicht abstrahieren kann und die er nun nach Europa mitbringt und der dortigen Kultur überstülpen will. Hermeneutisch vertritt er somit nur eine richtige Auslegungsinterpretation der Bibel. Vergleicht man beispielsweise die Verkündigung von Papst Bergoglio mit den Schriften des lateinamerikanischen Befreiungstheologen Paolo Frère, so kann man bei Paolo Frère erkennen, dass er sein Lebensmotto, das er in einer sehr erfolgreichen Analphabetisierungskampagne in seinem Heimatland Brasilien entwickelt hat, Zeit seines Lebens vor sich hergetragen hat, immer wieder gepredigt hat und versucht hat, in diesem Sinne zu motivieren. Alphabetisierung bot gleichzeitig die Garantie, ein volles Mitspracherecht bei allen politischen Entscheidungen übernehmen zu können. Dass man dadurch, dass man Lesen und Schreiben kann, noch nicht in allen politischen Belangen, die in der modernen Welt sehr komplex sein können, durchblicken kann und dass man deshalb seine eigenen politischen Entscheidungen immer nur an seinen eigenen höchst persönlichen Maßstäben messen kann und mit nur einem sehr eingeschränkten regionalen, sozialen und fachlichen Horizont fällen kann, taucht in den Schriften Paolo Frères nicht als problematisch auf. Ein ähnlich naives und kurzschlüssiges Verständnis hat Papst Bergoglio aufgrund seiner Sozialisation durch die lateinamerikanische Befreiungstheologie entwickelt. Er hat gleich nach seiner Ausrufung zum Papst gesagt, er wolle „eine arme Kirche für die Armen“. Doch woher soll das Geld kommen, damit die Armen Nahrung, Kleidung und Wohnung bekommen können, wenn die Kirche tatsächlich sich diesem Armutspostulat unterwerfen würde? Dass es viele braucht, die Besitz haben und regelmäßig arbeiten, um davon abgeben zu können und Arme versorgen zu können, ist nicht mit dem Satz von Papst Bergoglio vereinbar, er wolle „eine arme Kirche für Arme“. Doch nicht nur die Frage, wer die Armenfürsorge finanzieren soll, lässt Papst Bergoglio offen. Er selbst predigt die Armenfürsorge nur, wird aber nicht tätig. Dieses Weihnachtsfest war bereits das zweite, an dem er überhaupt nichts getan hat, um den Obdachlosen in Rom zu helfen. Dabei lagern mehr als 15 direkt vor den Grenzzäunen des Vatikans, zum Beispiel vor der Eingangstüre zum vatikanischen Pressestelle. Papst Bergoglio hat auch keine Armenfürsorge von Sant’Egidio besucht bisher. So verwundert es nicht, dass Andrea Riccardi, der Sant’ Egidio gegründet hat, den argentinischen Papst in dem RAI-Film „La grande storia. Papa Francesco: La storia di Jorge Bergoglio“(1) nur Papst Bergoglio nennt und nicht Papst Franziskus sagt.

Kritik an der lateinamerikanischen Befreiungstheologie ist nicht neu, sondern wurde bereits in den 1980er Jahren ausformuliert und dennoch verwundert es sehr, dass die katholische Kirchenleitung ausgerechnet ein solches Theologieverständnis als besonders zukunftsträchtig ansieht und Papst Bergoglio in dieses Amt berufen hat, denn ein alle Probleme umfassendes, modernes und allseits konstruktives Theologieverständnis ist die lateinamerikanische Befreiungstheologie, wie sie Papst Bergoglio vertritt, nicht.

  

4. Volle Kirchengemeinschaft oder Unterwerfung unter die katholische Kirche

  

Viele Aspekte katholischer Frömmigkeitspraxis und auch viele kirchenhierarchisch geltenden Normen und Institutionen sind Protestantinnen und Protestanten völlig unbekannt. So kann man sich neun Jahre intensiv mit der katholischen Kirche beschäftigt haben, vorher evangelische Theologie studiert haben und als Vikarin und Pfarrerin zur Anstellung intensive und gelungene Kontakte zu den katholischen Kollegen und den katholischen Nachbargemeinden gepflegt haben, und noch nie etwas von der „Apostolischen Pönitentiarie“(2) gehört haben. Die „Apostolische Pönitentiarie“ ist für fünf Straftaten zuständig: 1. für die Verunehrung der eucharistischen Gestalten, 2. für die direkte Verletzung des Beichtgeheimnisses, 3. für die Lossprechung eines Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste der Zehn Gebotes, 4. für die Anwendung körperlicher Gewalt gegen die Person des Papstes und 5. für die Bischofsweihe ohne päpstlichen Auftrag.(3) Diese fünf Aufgabenbereiche stehen in keinem logischen oder systematischen Zusammenhang. Der Autor, seit 2006 Mitarbeiter dieses Tribunals, schreibt: „Es ist nicht überflüssig, daran zu erinnern, dass sie das älteste Dikasterium der Römischen Kurie ist und einen Dienst ausübt, der direkt das Heil der Seelen betrifft.“(4) Bereits bei diesem Satz würde man protestantischerseits daran denken, dass Gott allein über das „Heil der Seelen“ entscheidet und kein katholischen Kirchengremium. Die Lektüre dieses kleinen Büchleins sei vor allem denjenigen empfohlen, die meinen, eine volle Kirchengemeinschaft der protestantischen Kirchen mit der katholischen Kirche sei zur Zeit oder gerade mit Papst Franziskus auf der Agenda. Ebenso lohnt ein Blick in die Veröffentlichung „Normen über die Straftaten, die der Kongregation für die Glaubenslehre reserviert sind“, die von der Kongregation für die Glaubenslehre verfasst wurde.(5)

Eine volle Kirchengemeinschaft der protestantischen Kirchen mit der katholischen Kirche würde zur Folge haben, dass man sich ganz dem Primat des Papstes bzw. des Bischofs von Rom unterstellt. Damit würde man auch alle vatikanischen Dikasterien anerkennen und sich ihnen unterstellen. Dies erscheint derzeit nur für einzelne Personen aus dem protestantischen Bereich möglich, nicht aber für ganze Kirchengemeinschaften. Es muss sogar dringend davor gewarnt werden, uninformiert oder nur teilweise informiert solche Hoffnungen nach einer vollen Kirchengemeinschaft zu hegen. Juristisch wie kirchenjuristisch müsste man in solchen uninformierten oder nur teilweise informierten Fällen den Vergleich mit einer Eheschließung heranziehen. Sowohl nach weltlichem wie nach geistlichem Recht ist eine Eheschließung dann ungültig, wenn sich einer der beiden Ehepartner nicht voll bewusst ist, wie umfänglich die Eheschließung ist und wenn sich beide Partner nur so ungenügend kennen, dass ihnen existentielle Belange oder Charaktereigenschaften der anderen Seite unbekannt sind. So verfügt beispielsweise Papst Franziskus über kein umfassendes Wissen bezüglich der protestantischen Kirchen und vor allem über nur partielle Kenntnisse der lutherischen Kirchen, da es diese in seinem Heimatland Argentinien kaum gibt und wenn, dann nur in Form von charismatischen Gruppierungen. Die Kenntnisse von Papst Benedikt XVI., der in Bayern geboren wurde und in Deutschland als Theologieprofessor in Tübingen, Bonn und Regensburg und als Erzbischof in München und Freising gewirkt hat, waren hingegen exzellent. Diese historische Chance einer weitergehenden Ökumene zwischen den protestantischen Kirchen und der katholischen Kirche wurde im Pontifikat von Papst Benedikt XVI. nicht ergriffen. Doch auch viele protestantische Kirchen, vor allem aus Nordeuropa, haben nur sehr spärliche Kenntnisse über die katholische Kirche. Zumeist ist ihr Verständnis von Vorurteilen und von Abgrenzungen geprägt. Unter solchen Voraussetzungen ist eine legitim gültige, volle Kirchengemeinschaft zwischen den protestantischen Kirchen und der katholischen Kirche nicht möglich.

Zudem muss von den protestantischen Kirchen bedacht werden, dass eine Folge der vollen Kirchengemeinschaft wäre, dass der Papst dann den Anspruch erheben würde, für die gesamte Christenheit mit Ausnahme der orthodoxen Kirchen zu sprechen. Dies hätte zur Folge, dass man einem protestantischen Landesbischof kaum noch Gehör schenken würde und auch die Medien wären kaum mehr bereit und in der Lage, sich auf dieses Stimmengewirr von Pro und Contra einzustellen. Würde der Papst etwas öffentlich sagen oder bekannt geben und sei es beispielsweise nur in einer fünf Minuten dauernden Angelus-Ansprache an einem Feiertag um 12 Uhr aus einem Fenster des Apostolischen Palastes, so hätte kaum noch ein protestantischer Bischof geschweige denn eine protestantische Bischöfin die Möglichkeit, dagegen öffentlich etwas zu sagen. Der Papst würde den Anspruch erheben, für alle Christinnen und Christen auf der Welt zu sprechen und das theologische und religiöse Verständnis des Papstes wäre immer ein römisch-katholisches Verständnis.

  

5. Eucharistische Ökumene statt voller Kirchengemeinschaft

  

Diese knappen Beispiele zeigen, dass es noch ein sehr langer Weg ist zu einer vollen Kirchengemeinschaft, auch wenn im Zeichen der massiv forcierten Globalisierung solche spontan aufbrechenden Vereinigungswünsche zwischen den protestantischen Kirchen und der katholischen Kirche aufkommen könnten. Auch die schwindenden Mitgliederzahlen in beiden Kirchen könnten den Wunsch hervorrufen nach einem geeinten christlichen Meinungsmonopol. Doch weder oberflächlich noch bis in alle theologischen Tiefen gehend erscheint derzeit eine volle Kirchengemeinschaft und insbesondere unter dem argentinischen Papst Franziskus theologisch und juristisch als eine zutreffende, gangbare und zukunftsweisende Möglichkeit.(6) Die protestantischen Kirchen würden immens an Einfluss und an Wertigkeit verlieren. Eine solche Fusion wäre vergleichbar einer „feindlichen Übernahme“, wie man sie aus der Wirtschaft kennt: ein Großkonzern schluckt einen kleineren Konkurrenten und gliedern ihn sich vollständig ein. Auch der Weg der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zeigt, dass sie zwar bereit ist, protestantische Glaubensinhalte und theologische Weichenstellungen partiell zu übernehmen, dass sie es aber gleichzeitig abwehrt, die protestantischen Kirchen als theologisch gleichwertig anzusehen. Ein Beispiel dafür ist, dass die protestantischen Kirchen aus Sicht der katholischen Kirche „Vereine“ sind. Das Beste nach katholischem Verständnis aus diesen „Vereinen“ kann man sich gerne zueigen machen, das andere bleibt draußen aus der „einen allgemeinen, katholischen und apostolischen Kirche“.

Der Weg hin zu einer größeren Ökumene geht somit nur über Personen, die bereit sind, sich intensiv mit der katholischen Kirche und ihrer Frömmigkeitspraxis zu beschäftigen. Zudem führt der Weg zu mehr Ökumene nur über Personen, die bereit sind, die katholische Kirche als Ganzes zu akzeptieren und die ihrerseits von der katholischen Kirche akzeptiert werden. Hierfür gibt es Beispiele aus der anglikanischen Kirche und auch ein Beispiel aus einer lutherischen Kirche. Zudem scheint es in Schweden Pfarrerinnen und Pfarrer zu geben, die in der apostolischen Sukzession ordiniert sind, die ehelos leben und die für eine „eucharistische Ökumene“(7) in einem weiteren Umfang in Frage kämen.

  

Fazit

  

Wollte man sich von allen theologischen differenzierten Unterscheidungen lösen und uninformiert oder nur rudimentär informiert zeitgeistig einen pauschalen, oberflächlichen und naiven Zugang zu einer vollen Kirchengemeinschaft der protestantischen Kirchen mit der katholischen Kirche nehmen, so müsste man sich fragen lassen, ob ein solches Unterfangen nach allen Regelungen, die bislang in der kirchlichen und in der weltlichen Justiz eingehalten werden, Gültigkeit besitzen würde. Zudem müssten sich die protestantischen Kirchen in hohem Maße vergegenwärtigen, welche Folgen es für sie hätte, wenn der Papst den Anspruch erheben würde, alle Christinnen und Christen in den protestantischen Kirchen und in der katholischen Kirche zu vertreten. Man müsste sich dann auch darüber im Klaren sein, dass die verschiedenen orthodoxen Kirchen und einige evangelische Kirchen immer noch nicht Teil dieser globalen Ökumene wären. Im US-Bundesstaat Pennsylvania allein gibt es 700 verschiedene christliche Kirchen. Ebenso müsste man im protestantischen Bereich die großen Wissenslücken über die katholische Kirche flächendeckend bei allen Gläubigen zu füllen versuchen. Man muss den Partner kennen, mit dem man sich in eine Gemeinschaft begibt. Eine volle Kirchengemeinschaft kann nicht in den Hinterzimmern der Bischofssitze ausgehandelt werden und dann ex cathedra als Novum verkündet werden. Erste Schritte hin zu einer vollen Kirchengemeinschaft könnten allenfalls durch ein ökumenisches Konzil in die Wege geleitet werden und bedürften einer jahrelangen Vorbereitung, da sonst die Gefahr bestünde, dass die Austrittszahlen auf beiden Seiten erheblich in die Höhe schnellen könnten.

Eine „eucharistische Ökumene“, also eine ökumenische Abendmahlsgemeinschaft, zwischen einer protestantischen Pfarrerin oder einem protestantischen Pfarrer und einem katholischen Geistlichen ist bereits jetzt schon unter bestimmten Bedingungen möglich, die von der obersten katholischen Kirchenleitung, dem Papst und den Kardinälen, akzeptiert werden muss.

  

Elke Göß

  

(1) vgl. Carpio Maite (2015): La grande storia – Papa Francesco: La storia di Jorge Bergoglio, Dreiteiliger Film, gesendet von RAI 3 am 26. Dezember 2014, 21.04 bis 23.09 Uhr

(2) Eine sehr instruktive, nur 47 Seiten im DIN A16-Format umfassende Einführung in die „Apostolische Pönitentiarie“ kann man in der vatikanischen Buchhandlung direkt am Petersplatz für vier Euro erwerben. Vgl. Commentz Carlos Encina (2012): Wann und wie man sich an die Apostolische Pönitentiarie wendet, Città del Vaticano

(3) vgl. Commentz Carlos Encina (2012): Wann und wie man sich an die Apostolische Pönitentiarie wendet, Città del Vaticano, S. 12

(4) Commentz Carlos Encina (2012): Wann und wie man sich an die Apostolische Pönitentiarie wendet, Città del Vaticano, S. 7

(5) vgl. Kongregation für die Glaubenslehre (2013): Normen über die Straftaten, die der Kongregation für die Glaubenslehre reserviert sind, Città del Vaticano

(6) Am 18. Dezember 2014 war eine lutherische Delegation beim Papst bei einer 20-minuetigen Audienz. In den Veroeffentlichungen der vatikanischen Pressestelle steht nur "lutherische Delegation aus Deutschland". Es werden keine Namen genannt. Lutheranerinnen und Lutheraner sind nicht so bedeutend, als dass sie Namen haetten fuer den Vatikan oder fuer den argentinischen Papst. Man muss schon auf der Seite der EKD nachlesen, worum es ging (vgl. http://www.ekd.de/presse/pm2014_259_velkd_bischof_audienz.html. 11.01.2105). Der Vatikan und der Papst messen dem Reformationsjubilaeum 2017 offensichtlich nicht die Bedeutung zu, die die Lutheranerinnen und Lutheraner, die zu einer viertaegigen Reise in Rom waren und davon 20 Minuten mit Papst Bergoglio verbracht haben, gerne haetten.

(7) vgl. Göß Elke (2013): Die eucharistische Ökumene mit in der apostolischen Sukzession ordinierten, zölibatär lebenden evangelischen Theologinnen ist durch Papst Benedikt XVI. vollzogen – ein persönliches Bekenntnis zum bayerischen Papst von einer lutherischen Pfarrerin, 24.02.2013, in: Göß Elke (2015): Putsch gegen Papst Benedikt XVI. Grenzziehungen in der Geschichte des Vatikans (con una introduzione italiana), Liberale Gesellschaftsanalyse, Band 10, (ebook), Kapitel 3

  

  

erschienen bei Lib & In in Rom, 1. Januar 2015

update: 21. Januar 2015

 

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update: 27. Mai 2019

Installation: 10. Mai 2018

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