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Einige Anmerkungen zur Kritik von Gerhard Ludwig Kardinal Müller am Protestantismus und an Martin Luther zum Ende des Reformationsgedächtnisjahres

 

Zum Ende des Reformationsgedächtnisjahres hat Gerhard Ludwig Kardinal Müller in einem Artikel auf der Internetseite "La Nuova Bussola Quotidiana", den das Kölner Domradio aufgreift, einige "harte" Kriterien für die Ökumene aufgestellt.(1) Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation und emeritierte Bischof von Regensburg reiht sich damit in die Kritik seiner Kardinalskollegen ein. Während Kardinal Kaspers Buch noch vor Beginn des Lutherjahres erschien(2), resümiert Kardinal Müller an dessen Ende über die bleibende Kritik der römisch-katholischen Kirche an Martin Luther und dessen Reformation. 

Da Martin Luther sämtliche Prinzipien der römisch-katholischen Kirche negiert habe, könne man nicht von einer "Kirchenreform" sprechen. Es habe sich um eine "Revolution 'wider den Heiligen Geist'"(3) gehandelt.

Genau genommen haben beide Seiten den Heiligen Geist für sich in Anspruch genommen. Die starke Subjektivität, die Kardinal Müller Martin Luthers Sakramentenverständnis vorwirft, kann theologisch nur als individuelle Wirkungsweise des Heiligen Geistes vorgestellt werden. Während Martin Luther den Heiligen Geist in seinem Wirken beim individuellen Glauben jedes Einzelnen und jeder Einzelnen verortet, bleibt die römisch-katholische Kirche dabei, dass sie manifestiertes Wirken des Heiligen Geistes in, mit und durch ihre Institutionalität darstellt.

Ob es eine "Revolution 'wider den Heiligen Geist'"(4) überhaupt geben kann, ist fraglich, da das Wort "Revolution" einen strukturellen Wandel eines oder mehrerer Systeme(5) meint. Der Heilige Geist ist jedoch kein "System". Nur wenn man den Heiligen Geist synonym mit der Institution Kirche setzt, könnte man von einer Revolution sprechen, wenn man der Meinung wäre, die Zustände nach dem Thesenanschlag 1517 hätten sich relativ schnell verändert.

Die meisten Reformationskennerinnen und -kenner gehen allerdings von einem Jahrzehnte andauernden Wandel nach dem 31. Oktober 1517 aus. Das erste verbindliche Bekenntnis der Lutheranerinnen und Lutheraner ist die am 25. Juni 1530 veröffentlichte Confessio Augustana, die 13 Jahre nach Luthers Thesenanschlag verabschiedet wurde. Martin Luther selbst hat relativ rasch nach dem 31. Oktober 1517 einige seiner grundlegenden Schriften veröffentlicht. Dass es sich dabei um ein planmäßiges, beabsichtigtes Vorgehen handelt habe, wie Kardinal Müller meint(6), ist unwahrscheinlich. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass Luthers 95 Thesen so gemeint waren, wie er sie betitelt hat. Martin Luther wollte als promovierter Professor und Augustinermönch über den Zustand seiner Kirche debattieren. Dafür hatte er Thesen vorbereitet.

Erst peu à peu wurde seine Kritik als schwierig und für die römisch-katholische Kirche als zersetzend erkannt. Einerseits war die Zustimmung, die Martin Luther von anderen Theologen und von breiten Bevölkerungsschichten bekam, unerwartet hoch. Zum anderen hatte Martin Luther anfangs sicherlich nicht mit einer so harschen Reaktion der römisch-katholischen Kirche gerechnet. Zwar war Jan Hus schon hundert Jahre vorher als Ketzer verbrannt worden.

Dennoch gab es eine Reihe von Reformorden in der römisch-katholischen Kirche, die teilweise bereits seit drei Jahrhunderten existierten. Zu diesem Reformorden gehörte der Augustinerorden, dem Martin Luther angehörte, wie auch der Franziskanerorden oder die Waldenser. Alle diese Reformorden entstanden im 12. und 13 Jahrhundert. Es herrschte somit bereits seit längerem ein Klima für Reformen, dies bedeutete, der Wunsch nach Reformen war innerkirchlich weit verbreitet und hierarchisch akzeptiert. Von den vier genannten Orden gingen die Waldenser in die protestantische Richtung. Die Waldenserinnen und Waldenser wurden von der Inquisition, wie die Glaubenskongregation damals hieß, als Ketzer verurteilt. Gleiches Urteil wurde über Martin Luther gefällt. Andere Reformorden wie die Augustiner oder die Franziskaner gehören bis heute zum Kernbestand der römisch-katholischen Kirche.

Es muss somit bezweifelt werden, dass es Martin Luthers ursprüngliche Absicht war, "sämtliche Prinzipien des katholischen Glaubens hinter sich"(7) zu lassen. Bis heute scheint ungeklärt, wie aus dem gehorsamen Augustinermönch ein selbstbewußter Reformator werden konnte. Selbst wenn man die Änderungen, die Martin Luther anfangs vorschlug, nicht teilt, so muss man um der historischen Genauigkeit willen konstatieren, dass Martin Luther sich erst in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern und vielleicht durch die Unterstützung von vielen Sympathisierenden zu der Person entwickelt hat, die fähig war, eine Kirchenspaltung herbeizuführen. Kirchenkritik ist eines, neue Strukturen für eine neue Kirche mit neuen Werten und einer neuen Verfassung aufzubauen, ist etwas anderes.

Selbst wenn die lutherischen Kirchen aus Sicht der römisch-katholischen Kirche nicht als vollwertige Kirche bzw. Kirchen anerkannt werden (können), so muss man doch von römisch-katholischer Seite bekennen, dass die Protestantinnen und Protestanten einen großen "Schaden" angerichtet haben und dass es ihnen gelang, sich über fünfhundert Jahre erfolgreich zu konstituieren. Die Erfolgsgeschichte der protestantischen Kirchen ist somit immer auch eine Verlustgeschichte und eine Geschichte des zumindest partiellen Scheiterns der römisch-katholischen Kirche. Diese Folgen der Reformation benennt Kardinal Müller deutlich.(8)

Folgt man den Ausführungen von Gerhard Ludwig Kardinal Müller, so müsse die Bezeichnung "Kirchenreform" für das Vorgehen Martin Luthers aus drei Gründen abgelehnt werden. Zum einen habe Martin Luther die sieben Sakramente auf zwei reduziert und dann auch noch den objektiven Charakter der Sakramente durch die subjektive Glaubensbeteiligung ersetzt.(9) Zum zweiten habe Martin Luther die Eucharestie verleugnet.(10) Was Gerhard Ludwig Kardinal Müller damit meint, bleibt unklar. Zum Dritten exkommunizierte sich Martin Luther durch seine Ämterkritik quasi selbst.(11)

Historisch genau wäre es, wenn Kardinal Müller darauf verweisen würde, dass der frühe Martin Luther von der Beichte als einem Sakrament ausging. Somit wären es drei Sakramente gewesen, die Martin Luther anerkennen wollte. Heute noch nachzuvollziehen, ob Martin Luther den objektiven Charakter der von ihm anerkannten Sakramente vollständig ablehnte und in einen ausschließlich subjektiven Charakter umwandelte, erscheint historisch-kritisch als ein schwieriges Unterfangen. Aus heutiger Sicht würde man erklären müssen, dass der objektive Charakter des Sakraments der Taufe noch fünfhundert Jahre nach der Reformation gegeben ist und auch ökumenisch anerkannt wird. Mit der Taufe verändert sich objektiv der Status des Täuflings. Er oder sie wird mit der Taufe Mitglied in der christlichen Kirche, ob er oder sie will oder nicht und ob er oder sie selbstbewußt und selbständig zugestimmt hat. Diese Problematik wurde von den Baptisten reflektiert, die sich für die Erwachsenentaufe entschieden, aber nicht von Martin Luther. Beim lutherischen Abendmahl gilt ebenfalls, dass der objektive Charakter der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi durch Martin Luther beibehalten wurde. Lediglich in der reformierten Tradition geschieht die Wandlung ausschließlich im Subjekt des Glaubenden bzw. der Glaubenden. Nach Martin Luther konstituiert sich die Kirche in ihrer eschatologischen Form in der Feier des Abendmahls. Die Ausformung des objektiven Charakters der beiden vom Protestantismus anerkannten Sakramente unterscheidet sich von der Ausformung des objektiven Charakters der zwei Sakramente in der römisch-katholischen Kirche und diese mag die protestantische Auffassung als defizitär ansehen. Dennoch gibt es auch im Protestantismus die objektive Seite der beiden Sakramente Taufe und Abendmahl.

Kardinal Müller lehnt einen Dialog über die Substanz der Glaubenslehre kategorisch ab.(12) Hätte Kardinal Müller eine Diskussion über die Glaubenslehre verworfen, so könnte man dem Argument vielleicht eine gewisse Plausibilität abgewinnen. Einen "Dialog" über die Substanz der Glaubenslehre sollte es allerdings geben. Der Dialog wird vermutlich sogar in der römisch-katholischen Kirche in der Katechese, in der Pastoral und in der Neuevangelisierung gepflegt. Jede Glaubensvermittlung lebt vom Dialog. Dieser Dialog geht an die Substanz des Glaubens, indem er die Lehre entfaltet und sie argumentativ vernunftgemäß (Joseph Ratzinger) vermittelt. Nur auf diesem Wege findet Glaubensvermittlung statt. Diese Glaubensvermittlung kann dialogisch auch mit Protestantinnen und Protestanten praktiziert werden. Warum soll dies nicht gehen? Ein Dialog muss kein Substanzverlust der Glaubenslehre sein. Gerade gegenüber Menschen, von denen man annehmen muss, dass sie im Glauben irre geleitet sein könnten, sollte die Heilsweitergabe praktiziert werden. 

Allgemein herrsche eine "Konfusion"(13) über die Verbindlichkeit der Lehre und über die Unfehlbarkeit des Papstes, schreibt Kardinal Müller. Durch privates Gerede der Päpste könne die Verbindlichkeit der Glaubenslehre in ihrer Unverrückbarkeit nicht mehr erkannt werden.(14)

Ob das "Glaubensgut"(15) durch alle Zeiten in der römisch-katholischen Kirche tatsächlich immer so eindeutig festgeschrieben, verkündet und gelebt worden ist, muss bezweifelt werden. Aus protestantischer Sicht ist ein eindeutiger Fortschritt von den Renaissance-Päpsten bis zu den Päpsten des 21. Jahrhunderts feststellbar.

 

Elke Göß

 

(1) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(2) Vgl. Kasper Walter Kardinal (2016): Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive, Ostfildern

(3) KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(4)  KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(5) vgl. Revolution, https://de.wikipedia.org/wiki/Revolution,06.11.2017

(6) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(7) KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(8) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(9) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(10) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(11) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(12) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(13) KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(14) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

(15) vgl. KNA (2017): Kardinal Müller kritisiert Reformation unter Luther. "Revolution wider den Heiligen Geist", https://www.domradio.de/themen/%C3%B6kumene/2017-10-25/kardinal-mueller-kritisiert-reformation-unter-luther,06.11.2017

 

erschienen bei Lib & In am 6. November 2017

 

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update: 21. November 2019

Installation: 10. Mai 2018

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