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Der Mühlstein hängt schwer am kirchlichen Hals und der Balken im eigenen Auge wirkt unsichtbar. Papst em. Benedikt XVI. äußert sich zur Missbrauchskrise der römisch-katholischen Kirche

 

Einleitung

1. Konferenz „Schutz von Minderjährigen in der Kirche“ im Vatikan

2. Die These vom säkularen Zeitgeist der Pädophilie, der die heilige Kirche nach 1968 angegriffen hat

3. Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuell motivierter Gewalt kein Thema bei Papst em. Benedikt XVI.

4. Keine Unterscheidung verschiedener Motivationen für die Anwendung sexuell motivierter Gewalt

5. Noch 50 Jahre später keine adäquate Reaktion beider christlicher Kirchen auf die Sexualmoral der 1968er Jahre

6. Der Mühlstein um den Hals der Kirche wegen des Leides, das sie den Kleinen angetan hat

7. Der Garantismus und die neueste Regelung von Papst Franziskus bei sexuell motivierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Vatikan

8. Rudimentarisierung des Problems sexuell motivierter Gewalt

9. Glaubenszeuginnen und -zeugen können als Vorbilder Märtyrer werden, um die Kirche aus ihrer teuflischen Gottferne zu retten

10. Moralische Unzulänglichkeit im Haushalt des emeritierten Papstes

Fazit

 

Einleitung

 

Papst em. Benedikt XVI. hat sich im Anschluss an den Kongress "Schutz von Minderjährigen in der Kirche"(1) in einem Artikel zu Wort gemeldet, den Vatican News im Wortlaut abdruckte.(2) Diesen Artikel kommentiere ich folgendermaßen:

 

1. Konferenz „Schutz von Minderjährigen in der Kirche“ im Vatikan

 

Die Zielrichtung seiner Darstellung kommt bereits darin zum Ausdruck, dass Papst em. Benedikt XVI. von einer Versammlung der Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen schreibt. Wer bei YouTube den Live-Stream gesehen hat, weiß, dass nicht nur die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen von Papst Franziskus eingeladen waren.(3)

 

2. Die These vom säkularen Zeitgeist der Pädophilie, der die heilige Kirche nach 1968 angegriffen hat

 

Die These, die Papst em. Benedikt XVI. seinen Ausführungen zugrunde legt, ist nicht neu. Die liberale Sexualethik der 1968er-Generation ist schuld an den zerstörenden Angriffen auf die römisch-katholische Kirche.(4) Der Papstbruder Domkapellmeister i.R. Georg Ratzinger hat sich vor allem bei der Frage eines Frauenpriestertums immer wieder gegen den "Zeitgeist" ausgesprochen. Die heilige römisch-katholische Kirche fühlt sich seit Jahrzehnten davon bedroht aus Sicht der beiden Ratzinger-Brüder. Doch gerade aus Regensburg kam bereits 2017 eine Widerlegung der These, dass die1968-er Generation schuld an der zunehmenden Pädophilie in der römisch-katholischen Kirche sei.(5) Rechtsanwalt Ulrich Weber, der die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen im Zeitraum von 1948 bis 1994 (dem Jahr des Ruhestandseintritts von Domkapellmeister Ratzinger) bearbeitete, konnte diese Zäsur rund um das Jahr 1968 nicht finden.(6) Es gibt sie schlicht nicht. Sexueller und gewaltsamer Missbrauch hat vor 1968 bei den Regensburger Domspatzen stattgefunden und nach 1968 ebenso. Bemerkenswert ist, dass das Schweigekartell nun mit dem gerade bekannt gegebenen Nachfolger des derzeitigen Domkapellmeisters immer noch weiter zu gehen droht, denn der neue Domkapellmeister Christian Heiß ist ehemaliger Domspatz. Mir war dieser Name als Nachnachfolger von Domkapellmeister Ratzinger bereits im Pontifikat von Papst Benedikt XVI. genannt worden. Ebenso wie bei der Nachfolgesuche eines Dirigenten für die Domspatzen so stehen auch im neuesten Aufsatz von Papst em. Benedikt XVI. nicht die Kinder, die Opfer geworden sind oder die Opfer werden könnten, im Mittelpunkt des theologischen und des moralischen Denkens von Papst em. Benedikt XVI.

 

3. Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuell motivierter Gewalt kein Thema bei Papst em. Benedikt XVI.

 

Papst em. Benedikt XVI. erwähnt nur an einer einzigen Stelle in seinem neuesten Aufsatz Kinder und Jugendliche, wenn er schreibt, dass sich Entsetzen verbreite, wenn man bedenke, welche Folgen Opfer von Pädophilie möglicherweise lebenslang ertragen müssten.(7) Papst em. Benedikt XVI. geht mit keinem Wort auf die Möglichkeit ein, Kindern und Jugendlichen Schutz vor sexuellem Missbrauch zu gewähren.

 

4. Keine Unterscheidung verschiedener Motivationen für die Anwendung sexuell motivierter Gewalt

 

Defizitär bleibt auch seine Unterscheidungskraft bezüglich dieses gravierenden Problems. Er gebraucht nicht die derzeit übliche Formulierung "sexuelle Gewalt" oder besser "sexuell motivierte Gewalt". Er unterscheidet nicht zwischen einer möglicherweise angeborenen Pädophilie, einer auf homosexuelle Verführung ausgelegten Pädophilie, einer auf Machtmissbrauch basierenden sexuellen Gewalt oder einer auf Nachahmung zurückzuführenden sexuell motivierten Gewalt und eventuell noch weiteren Motivationen sexuell motivierter Gewalt. Stattdessen subsumiert Papst em. Benedikt XVI. jegliche sexuell motivierte Gewalt unter den Begriff "Pädophilie".(8)

 

5. Noch 50 Jahre später keine adäquate Reaktion beider christlicher Kirchen auf die Sexualmoral der 1968er Jahre

 

Dass es eine extreme Lockerung des bis dato geltenden Moralkodex in den Jahren vor und nach 1968 gegeben hat, wird kaum jemand bestreiten Die Frage ist doch, wie es gelingen konnte, der römisch-katholischen Kirche eine so große Lücke in die eigene Verteidigungsmauer zu schießen. 1968 hat die römisch-katholische Kirche schwer erschüttert. Nach meinen Recherchen nahm der sexuelle Missbrauch auch in den evangelischen Kirchen nach 1968 erheblich zu. Wie aber kann es sein, dass beide Kirchen 50 Jahre später noch nicht adäquat reagieren? 1968 liegt genau 50 Jahre zurück. Dafür hat Papst em. Benedikt XVI. keine Antwort in seinem neuesten Aufsatz parat.

 

6. Der Mühlstein um den Hals der Kirche wegen des Leides, das sie den Kleinen angetan hat

 

Sicherlich würde das heilige und heiligende Werk der Kirche heute besser vorangehen, wenn die Kirche nicht durch diese schweren Mühlsteine um ihren Hals im tiefsten Meer versenkt worden wäre. Der Satz Jesu Christi, wer den Kleinsten Böses antut, sollte mit einem schweren Stein um den Hals im Meer versenkt werden, wird von Papst em. Benedikt XVI. auf die Kleinen im Glauben bezogen.(9) Er will damit eine Deutung auf Kinder und Jugendliche nicht gelten lassen. Kinder und Jugendliche sind aber die "Kleinen im Glauben". Genau ihren Schutz meint Jesus Christus, nicht nur kleingläubige Erwachsene.

 

7. Der Garantismus und die neueste Regelung von Papst Franziskus bei sexuell motivierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Vatikan

 

Auch nach sechs Jahren im Ruhestand und fünf Tage vor seinem 92. Geburtstag fällt es Papst em. Benedikt XVI. schwer, sich der konkreten moralischen Herausforderung in Wort und Tat bezüglich sexuell motivierter Gewalt zu stellen. Den Garantismus, den er erläutert und der angeblich Konsequenzen der Glaubenskongregation gegenüber Pädophilen verhindert habe,(10) hat Papst Franziskus erst vor 14 Tagen, am 29. März 2019, im Vatikan abgeschafft. (11) Dort kann nun bereits bei einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch eines Kindes oder eines Jugendlichen eingegriffen werden.(12) Obwohl Papst em. Benedikt XVI., der selbst mitten im Vatikan wohnt, von dieser neuen Verordnung von Papst Franziskus gehört haben muss, erwähnt er sie nicht. Diese neue Verordnung widerspricht sogar der Unschuldsvermutung, wie sie das deutsche Grundgesetz festschreibt. Die Not muss groß sein im Vatikan bezüglich sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, wenn Papst Franziskus prophylaktische Suspendierungen erlaubt, empfiehlt und anordnet.

 

8. Rudimentarisierung des Problems sexuell motivierter Gewalt

 

Papst em. Benedikt XVI. hat seine Verantwortung für die Weltkirche am 28. Februar 2013 aus freiem Willen abgegeben. Seine Ausführungen in seinem neuesten Aufsatz lassen eine Rudimentarisierung des Problems der sexuell motivierten Gewalt an Kindern und Jugendlichen erkennen.(13)

 

9. Glaubenszeuginnen und -zeugen können als Vorbilder Märtyrer werden, um die Kirche aus ihrer teuflischen Gottferne zu retten

 

Papst em. Benedikt XVI. selbst möchte Glaubenszeuginnen und -zeugen als Vorbilder sehen, die er Märtyrer nennt.(14) Sein familiär sich verhaltendes Umfeld würde ihn immer wieder freudig auf solche Personen aufmerksam machen.(15) Nun ja, wer den päpstlichen Haushalt kennt, weiß, wer gemeint ist. Die Schönstatt-Schwester(16) postet immer wieder Fotos von Papst em. Benedikt XVI. mit "Glaubenszeuginnen oder -zeugen", also mit Personen, die bestimmte "Türöffnerinnen und Türöffner" bereit sind, einzulassen. De facto ist Papst em. Benedikt XVI. ansonsten von der Außenwelt abgeriegelt.

 

10. Moralische Unzulänglichkeit im Haushalt des emeritierten Papstes

 

Eifersucht, Intrigen, Neid, Habgier, alle diese christlichen Untugenden dringen immer wieder ins Freie außerhalb des päpstlichen Haushaltes. Auch mit der sexuellen Moral soll es nicht immer bei allen Mitgliedern des päpstlichen Haushaltes so bestellt sein, wie es einmal im Gelübde versprochen wurde.(17)

 

Fazit

 

Vielleicht gäbe es einen Bibelspruch, der auf den neuesten Aufsatz von Papst em. Benedikt XVI. perfekt passen würde: Was siehst Du den Splitter im Auge Deines Nachbarn und erkennst nicht den Balken in Deinem eigenen Auge? 50 Jahre nach 1968

 

Elke Göß

 

(1) Vgl. kna (2019): Programm der Vatikan-Konferenz gegen Missbrauch. „Schutz von Minderjährigen in der Kirche“, https://www.domradio.de/themen/vatikan/2019-02-18/schutz-von-minderjaehrigen-der-kirche-programm-der-vatikan-konferenz-gegen-missbrauch,13.04.2019

(2) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(3) Vgl. kna (2019): Programm der Vatikan-Konferenz gegen Missbrauch. „Schutz von Minderjährigen in der Kirche“, https://www.domradio.de/themen/vatikan/2019-02-18/schutz-von-minderjaehrigen-der-kirche-programm-der-vatikan-konferenz-gegen-missbrauch,13.04.2019

(4) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(5) Vgl. Weber Ulrich/Baumeister Johannes (2017): Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen, Untersuchungsbericht, 18. Juli 2017, http://uw-recht.org/fileadmin/user_upload/Abschlussbericht_Domspatzen.pdf,13.04.2019

(6) Vgl. Weber Ulrich/Baumeister Johannes (2017): Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen, Untersuchungsbericht, 18. Juli 2017, http://uw-recht.org/fileadmin/user_upload/Abschlussbericht_Domspatzen.pdf,13.04.2019

(7) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(8) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(9) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(10) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(11) Vgl. Sz.de/dpa/KNA/aner/pvn (2019): Papst erlässt für den Vatikan Regeln gegen Missbrauch, https://www.sueddeutsche.de/panorama/papst-franziskus-vatikan-missbrauch-minderjaehrige-regeln-1.4388575,13.04.2019

(12) Vgl. Sz.de/dpa/KNA/aner/pvn (2019): Papst erlässt für den Vatikan Regeln gegen Missbrauch, https://www.sueddeutsche.de/panorama/papst-franziskus-vatikan-missbrauch-minderjaehrige-regeln-1.4388575,13.04.2019

(13) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(14) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(15) Vgl. Vatican News – sk (2019): Wortlaut: Der Aufsatz von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise, https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-04/papst-benedikt-xvi-wortlaut-aufsatz-missbrauch-theologie.html,13.04.2019

(16) Vgl. Göß Elke (2016): Die Karriere der Schönstatt-Schwester Birgit Wansing von der Sekretärin in der Glaubenskongregation zur Sekretärin von Papst Benedikt XVI. bis zur Haushälterin von Erzbischof Dr. Dr. hc Georg Gänswein, erschienen bei Lib & In am 29. März 2016

(17) Vgl. Göß Elke (2016): Die Karriere der Schönstatt-Schwester Birgit Wansing von der Sekretärin in der Glaubenskongregation zur Sekretärin von Papst Benedikt XVI. bis zur Haushälterin von Erzbischof Dr. Dr. hc Georg Gänswein, erschienen bei Lib & In am 29. März 2016

 

13. April 2019

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update: 29. September 2019

Installation: 10. Mai 2018

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