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Sollen Protestantinnen und Protestanten stehen bleiben oder niederknien während der Eucharistie?

 

Martin Luther war 1521 bereits als Häretiker verurteilt und mit dem Kirchenbann belegt worden, als ihn Kaiser Karl V. aufforderte, am 17. und 18. April 1521 in Worms während des Reichstages zu erscheinen, um seine theologischen Lehren darzustellen. Am ersten Tag um 16 Uhr traf der Wittenberger ehemalige Mönch und Theologieprofessor Martin Luther im Bischofssitz, einem Haus an der Nordseite des Wormser Doms, auf Kaiser Karl V.(1) Am Ende der Befragung sieht Martin Luther keine Gründe, seine Thesen und seine neuen theologischen Lehren zu widerrufen. Er soll gesagt haben: "Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist, Gott helfe mir, Amen!"(2) Die volkstümliche Variante "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen." soll nicht von Martin Luther stammen.

Damals, im Jahr 1521, war der Wormser Dom bereits 503 Jahre alt. In diesem Jahr steht das historische Gebäude seit tausend Jahren. In einer Messe, die am 28. Januar 2018 im ZDF übertragen wurde, feierte die Wormser Gemeinde die Eröffnung des Jubiläumsjahres gemeinsam mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf.(3) Während der Eucharestie, bei der alle Katholikinnen und Katholiken knien oder sitzen, stand ein Ehepaar unverrückt und fest. Wahrscheinlich wird sich das protestantische Ehepaar an Martin Luther erinnert haben. "Hier stehe ich" gilt als non-verbales Erkennungszeichen der Lutheranerinnen und Lutheraner. Doch wie wirkt dieses Zeichen heute in einer katholischen Messe und ist es angebracht?

Eine bei einer Eucharestie stehende Person mag sich selbst als Bekennende oder als Bekennender interpretieren. In erster Linie versperrt eine stehende Person den hinter ihr knieenden Gläubigen die Sicht auf den Altar und die Wandlung. Schon aus Sicht der Nächstenliebe ist dies ein ungünstiges Zeichen, denn die Liebe zu Jesus Christus schließt immer auch die Liebe zum benachbarten Glaubenden ein. Nicht nur der Stehende möchte direkt an der Wandlung teilhaben, auch der hinter ihm oder ihr Knieende. Neben der diakonischen Rücksichtnahme sollte der Wunsch bestehen, dass andere Gläubige wie man selbst Jesus Christus in der Eucharestie nahe sein können und dass sie dadurch in ihrem Glauben bestärkt werden. Aus diakonischer und aus missionarischer bzw. evangelisierender Sicht ist die Sichtverweigerung durch das Stehen während der Eucharestie durch Protestantinnen und Protestanten nicht angesagt. Es wäre das falsche Zeichen am falschen Ort. Nach katholischem Verständnis kann man während der Eucharestie knien oder, wenn dies körperlich nicht möglich ist, sitzen. Dieser Haltung sollten sich auch Protestantinnen und Protestanten während der eucharistischen Gebete, der Einsetzungsworte und der Wandlung anschließen.

Das Knien während der Eucharestie ist ein Ausdruck der Selbsterniedrigung vor dem Geschehen, das alle christlischen Gläubigen Jesus Christus am Nächsten bringt. Im konsekrierten Brot und Wein, in seinem Leib und in seinem Blut, teilt sich Jesus Christus dem Gläubigen und der Gläubigen selbst mit. Wer diese Bedeutung nicht kennt oder nicht richtig anerkennt, verfällt dem Gericht Gottes, wenn er an der Eucharestie teilnimmt, schreibt der Apostel Paulus.(4) In keiner kirchlichen Handlung kommen die Gläubigen Jesus Christus so nahe wie in der Eucharestie. Deshalb ist während der Eucharestie die größte menschliche Demut vor Gott geboten. Der physische Ausdruck dafür ist das Knien vor dem Allerhöchsten, dem Heiligen, dem heiligen Geschehen der Selbstoffenbarung Jesu Christi in der Eucharestie.

Das Knien vor dem Allerhöchsten hat eine lange Tradition im Alten Testament und im Neuen Testament und ist jedem Menschen geboten. Beim Propheten Jesaja steht das Knien vor Gott in direktem Zusammenhang mit der Anerkennung des Ersten Gebotes: "Ich bin der Herr, dein Gott, der Dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben."(5) Beim Propheten Jesaja wird das Erste Gebot aufgegriffen. Gott spricht: "Bin nicht ich es, der Herr! Und außer mir gibt es sonst keinen Gott, einen gerechten und rettenden Gott gibt es nicht außer mir! Wendet Euch zu mir, und laßt euch retten; alle Enden der Erde, denn ich bin Gott und keiner sonst. Bei mir selbst habe ich geschworen, von meinem Mund ist Gerechtigkeit ausgegangen, ein Wort, und es wird nicht rückgängig gemacht. Mir wird sich jedes Knie beugen, jede Zunge wird mir schwören."(6) Diese Sätze Gottes stehen in der weisheitlichen Tradition des Alten Testaments, die sich an die Menschen aus allen Nationen richtet. Gott selbst errettet durch ein einziges Wort. Später wird das Johannes-Evangelium dieses eine Wort, durch das bereits die Welt erschaffen wurde(7), mit Jesus Christus identifizieren.(8)

In dem berühmten Christus-Hymnus, einer der ältesten Passagen im Neuen Testament, ist vom göttlichen Ursprung Jesu Christi die Rede, von seinem Menschsein, seinem Tod am Kreuz und von seiner Auferstehung. Dieser Christus-Hymnus schließt mit einer sogenannten Doxologie, einem Lob auf die Herrlichkeit Gottes: "Deshalb hat Gott ihn auch über alles erhöht und ihm den Namen verliehen, der über allen Namen ist, damit im Namen Jesu sich beuge jedes Knie, all derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters."(9) So wie im Christus-Hymnus im Philipperbrief die Wandlung des Wortes Gottes in die Person von Jesus Christus besungen wird, so wandeln sich in der Eucharestie das Brot und der Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi. Die Menschwerdung durch die Geburt des Sohnes Gottes, seines heiligen Lebens auf Erden, seines bitteren Sterbens am Kreuz und seiner Auferweckung durch Gott werden symbolisiert, dargestellt und begreifbar durch das während der Eucharestie konsekrierte Brot und den Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi. Diese beiden geheimnisvollen Wandlungen, die Wandlung des Wortes Gottes in die Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus, und die Wandlung von Brot und Wein in die eucharistische Gegenwart des Leibes und Blutes Jesu Christi sind, können nur im Knien betend vollumfänglich erfasst werden, denn es bedarf dafür der Anerkennung der allmächtigen Gerechtigkeit und der gerechten Allmacht Gottes. Das Knien selbst ist somit die Geste, in der die Gerechtigkeit Gottes korrekt empfangen wird. Das Knien symbolisiert bereits den kurz bevorstehenden Empfang der Sakramente, durch die allein der sündige Mensch vor Gott gerechtfertigt ist und bestehen kann. Der letzte Gedanke ist genuin lutherisch.

Im Römerbrief betont Paulus die diakonische Intention des Kniens. Starke und Schwache im Glauben sollen einander annehmen. Alle werden sich vor Gott verantworten müssen. Auch dieser Gedanke war Martin Luther sehr wichtig. Paulus setzt ihn fort. "Denn es steht geschrieben: So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir wird sich beugen jedes Knie und jede Zunge wird sich zu Gott bekennen."(10) Jedes Knie soll sich beugen vor Gott, dem Schöpfer, dem Herren über Leben und Tod.

Folgt man einer falsch verstandenen lutherischen Haltung, so wird man als Protestant und Protestantin während der Eucharestie stehend störend auffallen. Martin Luther selbst hat die Worte der Bibel über alle Traditionen gestellt. In der Bibel wird dazu aufgerufen, niederzuknien, um die eigene Demut vor den größten Geheimnissen der Gegenwart Gottes, die Christinnen und Christen in der Eucharestie feiern, zu zeigen. 

 

Elke Göß

 

(1) vgl. Reichstag zu Worms (1521), https://de.wikipedia.org/wiki/Reichstag_zu_Worms_(1521),05.02.2018

(2) Luther auf dm Reichstag zu Worms (1521), http://www.luther.de/leben/worms.html,05.02.2018

(3) vgl. 1000 Jahre Wormser Dom von Susanne Gelhard, https://www.zdf.de/nachrichten/heute-sendungen/1000-jahre-wormser-dom-102.html,05.02.2018

(4) vgl. Erster Korinterbrief Kapitel 11 Vers 29

(5) vgl. 2. Mose 20, 2f

(6) vgl. Jesaja Kapitel 45 Vers 21b-23

(7) vgl. Genesis 1 Vers 3

(8) vgl. Johannesevangelium Kapitel 1 Vers 1-3.14

(9) vgl. Philipperbrief Kapitel 2 Vers 9-11

(10) vgl. Römerbrief Kapitel 14 Vers 11

 

erschienen bei Lib & In am 5. Februar 2018

 

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update: 21. November 2019

Installation: 10. Mai 2018

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